Dorf und Digitalisierung – Passt das zusammen? Absolut, findet Projektmanagerin Heidrun Wuttke

27. Juli 2023
EuropaGemeindeRäte Bayern

Frau Heidrun Wuttke, studierte Politikwissenschaftlerin und erfahrene Fachfrau für Marketing, hat sich seit 2016 mit einer Reihe sukzessiver, ambitionierter Digitalprojekte für ländliche Kommunen einen Namen gemacht. Was sie im Landkreis Höxter (NRW) auf die Beine stellte, ist inzwischen weit über diesen hinaus auf positive Resonanz gestoßen:

Von links: Heidrun Wuttke und ihre Kollegin Martina Werdehausen. Frau Werdehausen ergänzte den Vortrag um die Perspektiven projektbeteiligter Ortschaften.

Smart Country Side (2016 2019)
Digitale Kompetenz
(2018 – 2019)
Dorf.Zukunft.Digital 1 (2019 – 2022)
Dorf.Gesundheit.Digital (2021 – 2024)
Dorf.Zukunft.Digital 2 (2022 – 2025)
Nah.Versorgt.Digital (2022 – 2025)

Wie bereits ein Blick auf die angegebenen Projektzeiträume verrät, scheint es Frau Wuttke gut gelungen zu sein, eine der großen und gut bekannten Schwächen der deutschen Förderlandschaft abzuwehren: die fatale Kollision eines ambitionierten Projekts mit Ende seiner Förderperiode.

Frau Wuttkes Vortrag (die Power-Point-Präsentation finden Sie hier) folgte einer klaren Struktur. Zuerst vermittelte sie einen Einblick in ihr operatives Denken – welche Leitfragen bestimmten ihre Projekte? Welche Prinzipien leiteten ihr Vorgehen an, was für konkrete Zielvorstellungen? Nachdem sie Anschluss kurz auf das erste der oben vermerkten Projekte hinweist, kommt sie sogleich zu 12 konkreten digitalen Maßnahmen, die im Zuge verschiedener Projekte bereits erprobt wurden, und führte jede einzeln näher aus. Danach verwies sie auf einige Erkenntnisse und Erfolgsfaktoren, die sie in ihrer langjährigen Erfahrung hat ansammeln können. Es folgten lessons learned und ein Ausblick auf künftige Initiativen und Projekte.

Die nachfolgenden Tabellen schildern auf grobe, zusammengefasste Weise, was es mit diesen Inhalten auf sich hat:

Planung von Projekten
Leitfragen
  1. Wie kann der ländliche Raum von Pionierarbeit im Bereich der Digitalisierung profitieren?
  2. Wie würden solche Projekte den Menschen vor Ort nützen?
  3. Wie kann auf diese Weise mit neuen sozialen Verhaltensweisen experimentiert werden?
Prinzipien
  1. Selbstorganisation wirkt motivierend
  2. Gemeinwohlorientiertes Handeln und Inklusivität
  3. Angebote mit möglichst geringer Einstiegshürde und großem Nutzen
Zielvorstellungen
  1. Mehrwert für Einwohnerinnen und Einwohner schaffen; sozialen Zusammenhalt stärken
  2. Digitale Anwendungen erproben und entsprechende Kompetenzen vermitteln
  3. Austausch von Erfahrungen innerhalb des Landkreises und geschlossene strategische Kommunikation nach außen
Digitale Maßnahmen (Auswahl)
Dorfplattform Website („DorfPage“) mit aktuellen Infos aus dem Dorf, aus Vereinen und der Kommune; zugleich Smartphone-App als digitaler Marktplatz mit Echtzeit-Kommunikation zu verschiedenen Zwecken. Schnittstelle zwischen Website und App: News und Events in Form von Push up Nachrichten als Schnittstelle zwischen Website und App.
Digitale Dorfchronik Auf Dorfplattform-Website einsehbare, multimediale Präsentation der Dorfgeschichte. Zentral: Zusammenarbeit bzw. Arbeitsteilung zwischen älteren und jüngeren Dorfbewohnern – die älteren erinnern und erzählen, die jüngeren gestalten digital. Zudem Einrichtung eines ‚analogen‘ „Erzählcafés“.
Digitale Lernplattform Online veranstaltete Schulungen, ergänzt in Präsenz durch Ergänzung der Schulungen durch Exkursionen, Vorlesungen und Praxisübungen.
Digitale Klassenzimmer In Bürgerhallen untergebrachte Räume mit IT-Equipment, die flexibel von Vereinen, Kirchen, Arbeitsgruppen usw. genutzt werden können, bspw. für Schulungen, Internet-Treffs und Senioren Abende.
Digitaler Hilferuf Nach einer Registrierung und Informationsabfrage zum Wohnumfeld und den Lebensumständen, können allein lebende Senioren sehr einfach einen Notruf an ein nachbarschaftliches Hilfsnetzwerk absetzen. Ziel ist es, dass innerhalb von 10 bis 15 Minuten ein Ersthelfer vor Ort ist und ggf. weitere Maßnahmen einleiten kann.
Evaluation
Erkenntnisse
  • Ehrenamt braucht Hauptamt; Vereinbarungen müssen verlässlich sein.
  • Der Aufbau von Netzwerken benötigt Zeit.
  • Die möglichst gute Abstimmung mit benachbarten Kommunen und betroffenen Akteuren aller Art ist von großer Bedeutung.
Erfolgsfaktoren
  • Für Nachhaltigkeit und Verstetigung des Netzwerkaufbaus will gesorgt sein.
  • Auf eine gute ‚vertikale‘ Kommunikation mit den relevanten Verwaltungsebenen Acht geben.
  • Der Erfolg des Netzwerkaufbaus steht und fällt mit dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger.

Der Eindruck, den Frau Wuttkes Vortrag hinterlässt, ist einer der gleichberechtigten Koexistenz analoger und digitaler Kommunikations- und Informationsnetzwerke, die für einen möglichst großen Teil der Dorfgemeinschaft von Nutzen sein können. Dies äußert sich unter anderem auch in der großen Aufmerksamkeit, die sie den Bedürfnissen älteren Bevölkerungsschichten zukommen lässt. Auch bemerkenswert ist die in den digitalen Maßnahmen zum Ausdruck kommende Mischung aus Zentralisierung einerseits (die Dorfplattform z. B. soll verschiedene Zwecke gleichzeitig erfüllen), der thematischen Redundanz andererseits (für wichtige Themen, wie etwa die Pflege oder die örtliche Kirchengemeinde, sieht Frau Wuttke eigene Netzwerke vor). Abschließend sei darauf hingewiesen, dass es eine digitale Initiative gibt, die Frau Wuttke als Beispiel für ihre eigenen Anwendungen nannte – den sogenannten BayernFunk, ein bayernweites soziales Netzwerk für Kommunen.

Unseren nächsten Vortrag wird Herr Matthias Amann gehalten werden. Als Referent des Bayerischen Staatsministeriusm für Wohnen, Bau und Verkehr, war Herr Amann bereits auf unserer Auftaktkonferenz aufgetreten und hatte mit seiner stilistisch ausgepfeilten Aufbereitung des Themas EU-Fördermittel viel positive Kritik geerntet. Wir sind also sehr erfreut, ihn am 19.09.2023 wieder bei uns mit dem selben Thema begrüßen zu dürfen.

Wir freuen uns auf Sie!

Das Projektteam